Allergisches Asthma: Immer mehr Kinder betroffen

Man unterscheidet zwischen allergischem und nicht-allergischem Asthma bronchiale. Allergisches Asthma ist mit rund 70% die häufigste Form von Asthma. Etwa ein Drittel der PatientInnen mit allergischem Schnupfen entwickelt irgendwann in ihrem Leben allergisches Asthma, bei Kindern sind es sogar 50%. Gerade bei Kleinkindern stellt die bereits bestehende Sensibilisierung für ein Allergen bzw. eine bereits ausgeprägte Allergie einen hohen Risikofaktor dar, später auch an Asthma zu erkranken.

Während „nur“ rund 5% der Erwachsenen in Österreich an Asthma bronchiale leiden, sind es bei den Volksschulkindern rund 10%, Tendenz steigend: In einem Zeitraum von knapp 10 Jahren hat sich die Anzahl asthmatischer Volksschulkinder um rund 16%, bei den 12- bis 14-Jährigen um 32% deutlich erhöht. „Forschungsergebnisse zeigen ganz klar, dass ein Zusammenhang zwischen Allergien und Asthma besteht, und gerade Kleinkinder, die eine Sensibilisierung aufweisen oder bereits an einer Allergie leiden, ein deutlich erhöhtes Risiko aufweisen, auch an Asthma zu erkranken“, so Dr. Fritz Horak, Leiter des ÖGP-Arbeitskreises „Allergie und Asthma“ und Ärztlicher Leiter des Allergiezentrums Wien West.

Einige Beispiele mögen dies verdeutlichen: Kinder, die im Alter von bis zu zwei Jahren eine Sensibilisierung (die Allergie ist noch nicht ausgeprägt, die Immunzellen sind aber bereits „scharf gemacht“) gegen ein Allergen aufweisen, haben ein dreimal höheres Risiko, mit zehn Jahren an Asthma zu erkranken. Kleinkinder, die im ersten Lebensjahr an einer Nahrungsmittelallergie leiden, haben ein vierfach erhöhtes Risiko, später an Asthma zu erkranken. Etwa drei Viertel der Kinder, die im ersten Lebensjahr sowohl eine Milbensensibilisierung als auch eine atopische Dermatitis aufweisen, entwickeln bis zum zwölften Lebensjahr auch Asthma. Ganz allgemein: Kinder, die in den ersten drei Lebensjahren auf ganzjährige Allergene wie z.B. Hausstaubmilben oder Tierhaare allergisch reagieren und in dieser frühen Kindheit einer erhöhten Allergenexposition ausgesetzt sind, weisen im späten Kindesalter häufig eine schlechtere Lungenfunktion auf. Horak: „In solchen Fällen ist eine strikte Allergenvermeidung dringend angeraten. Dies bedeutet Milben-reduzierende Maßnahmen zu setzen, die Vermeidung jeglicher Belastung durch Passivrauch, aber auch, so schwer es auch fallen mag, sich beispielsweise von Haustieren zu trennen, wenn die Kinder allergisch auf Tierhaare reagieren.“


Die Entwicklung von Allergien

Das Zusammenspiel von genetischen und Umwelt-Faktoren spielt sowohl bei Allergien als auch bei allergischem Asthma eine entscheidende Rolle. Mögliche Auslöser für allergisches Asthma sind Allergien auf Pollen von Bäumen, Gräsern und Unkräutern sowie auf Hausstaubmilben, Tierhaare und ev. Schimmelpilze.
Horak: „Bei einer Allergie besteht eine Überempfindlichkeit gegen bestimmte Stoffe. Nach wiederholtem Kontakt mit diesen Allergenen, also Stoffen, die vom Körper als fremd erkannt werden, entsteht eine überschießende Reaktion des Immunsystems.“
Die allergische Immunantwort und somit auch die Entwicklung einer Allergie, erfolgt immer in mehreren Schritten: Im ersten Schritt trifft das Allergen auf den Organismus. Ist dieser auf Grund seiner genetischen Ausstattung, Umwelteinflüssen und fehlenden Schutzfaktoren auf eine allergische Reaktion „vorprogrammiert“, bildet sein Immunsystem bei diesem Erstkontakt Antikörper. Besonders wichtig für die allergische Reaktion sind die sog. IgE-Antikörper, die aufgrund ihrer chemischen Struktur in der Lage sind, das Allergen jederzeit wieder zu „erkennen“. Die Abwehrreaktion richtet sich letztendlich gegen den Körper selbst. Von diesem Erstkontakt merkt man nichts, man ist jetzt aber gegen das Allergen sensibilisiert, die überschießende Immunantwort beim nächsten Allergenkontakt ist vorprogrammiert.

Im zweiten Schritt erfolgt die allergische Reaktion: Bei einem neuen Allergenkontakt binden sich die gebildeten spezifischen IgE-Moleküle an die Oberfläche von sehr effektiv arbeitenden Zellen der Immunabwehr, die vor allem in Schleimhäuten und im Bindegewebe nahe von kleinen Blutgefäßen vorkommen (z.B. Mastzellen). In ihrem Inneren finden sich zahlreiche aggressive Substanzen zur Verteidigung des Körpers gegen „Eindringlinge“ (z.B. Histamin). Somit sind diese Immunzellen mit „scharf gemachten Bomben“ zu vergleichen, beim Kontakt mit dem „Feind“, also dem Allergen, mit einer gezielten Abwehrreaktion antworten.

Risiko- und Schutzfaktoren

Doch warum entwickeln nun die einen Kinder und Jugendlichen eine Allergie und die anderen nicht? Horak: „Neben der genetischen Veranlagung (Prädisposition) kommen eine Reihe von schützenden Faktoren sowie Risikofaktoren hinzu. Die Weichen für die Entwicklung einer Allergie und in der Folge von allergischem Asthma scheinen schon im ersten Lebensjahr gestellt zu werden.“ Zu den bekannten schützenden Faktoren zählen früher Kontakt zu möglichst vielen verschiedenen Bakterienstämmen (natürliche Geburt, das Durchmachen bestimmter Infekte, keine übertriebene Hygiene, „Aufwachsen am Bauernhof“), die eher frühe Gabe von Beikost ab dem 4.-6. Lebensmonat, sowie das strikte Meiden von Passivrauchbelastung. Bekannte Risikofaktoren sind ein westlicher Lebensstil, Mangel an bakteriellen Kontakten, verspätetes Einführen von Beikost, Passivrauchen sowie diverse virale Infekte (z.B. Rhinovirus). Horak: „Die Summe dieser Faktoren führt auf dem Boden einer bestehenden genetischen Veranlagung zur Entwicklung eines ausgeglichenen Immunsystems (Immunbalance) oder eben zu einem zu Allergien neigenden Immunsystem (Dysregulation).“


Allergie und Asthma

Laut WHO entwickeln 40% der Patientinnen und Patienten mit allergischem Schnupfen Asthma, 70% der Asthmakranken leiden auch an einer Allergie. Horak: “Sind beide Elternteile Allergiker, weisen ihre Kinder ein 60-80% Risiko auf, ebenfalls Allergien zu bekommen. Ist ein Elternteil allergisch, besteht ein 20-40% Allergierisiko für ihr Kind.“ Etwa die Hälfte der PatientInnen mit allergischem Schnupfen (Rhinitis), leidet an einer Pollen-Allergie, die andere Hälfte an einer Hausstaubmilben-Allergie. Auch Kombinationen sind möglich. Horak: „Bis zu 40% der Patienten und Patientinnen, die an einer unbehandelten allergischer Rhinitis leiden, entwickeln Asthma. Erste Studien zeigen, dass eine gezielte spezifische Immuntherapie dieses Voranschreiten zumindest verzögern, wenn nicht sogar aufhalten kann.“

Frühzeitige Diagnose und ausreichende Therapie von großer Wichtigkeit

Asthma sollte bei Vorliegen einer entsprechenden Symptomatik mittels genauer Anamnese und Testung der Lungenfunktion diagnostiziert werden, das Vorliegen einer Allergie mittels Allergieanamnese sowie spezifischer Allergietests (Hauttest, Vorliegen von IgE-Antikörpern im Serum) in einem Allergiezentrum bzw. beim spezialisierten niedergelassenen Facharzt.
Besondere ärztliche Herausforderungen beim kindlichen Asthma seien die schwierige Diagnose aufgrund unspezifischer Symptome (z.B. Husten) und die eingeschränkte Untersuchungsmöglichkeit (Lungenfunktionsmessung erst ab dem Volksschulalter), sowie die Tatsache, dass die Beschwerden oft belastungsabhängig (Sport) oder infektabhängig seien. Besondere Aufmerksamkeit sei einer altersgemäßen Therapie (unterschiedliche Inhalationsgeräte, Motivation junger Kinder) und unterstützenden Maßnahmen (Asthmaschulung) zu schenken, so Horak.
Die Therapie des Asthmas sollte gemäß der GINA-Guidelines (www.ginasthma.org) erfolgen, die einen neuen Stufenplan vorsehen. Für das Asthma-Management von Kindern unter sechs Jahren wird ein eigener Stufenplan empfohlen. Bei Vorliegen einer Allergie muss diese zusätzlich behandelt werden – symptomatisch mit Medikamenten sowie durch eine spezifische Immuntherapie, so ein bestimmtes Allergen als relevanter Auslöser festgemacht werden kann. Natürlich spielt auch die Allergenvermeidung, wo möglich, eine entscheidende Rolle.
„Eine Allergie sollte immer ernst genommen werden. Die möglichst frühzeitige Diagnose und Therapie – von Allergie und Asthma – sind von entscheidender Bedeutung, um die Beschwerden gering zu halten und die Lungenfunktion zu optimieren. Ziel ist, dass die betroffenen Kinder keine bzw. kaum Beschwerden und damit keine Einschränkung im Alltag haben. Dies ist natürlich auch im Hinblick auf die weitere gesundheitliche Entwicklung des Menschen zu sehen“, so Horak abschließend.