Bettnässen - ein lösbares Problem, kein Drama

Rund 60.000 Kinder sind in Österreich von Enuresis nocturna – nächtlichem Einnässsen betroffen. Trotz klarer medizinischer Optionen ist das Thema nach wie vor ein Tabu. Tatsächlich halten sich hartnäckig fatale Fehlmeinungen.

Enuresis definiert sich als unwillkürlicher Harnabgang ab einem Alter von vier Jahren nach Ausschluss organischer Ursachen.
Die Symptome müssen länger als drei Monate bestehen und mindestens zweimal pro Monat auftreten – bei über Siebenjährigen genügt hier bereits eine einmalige Episode pro Monat. Dabei kann das Einnässen tagsüber oder nachts auftreten.

Bei primärer Enuresis wird von einer Entwicklungsverzögerung des Kindes ausgegangen, sie kann familiär gehäuft auftreten und ist genetisch mitbedingt. Psychische Probleme werden eher als eine Folge der Störung betrachtet.
Eine wichtige Rolle spielt dabei das antidiuretische Hormon (ADH, Vasopressin). Normalerweise wird dieses Hormon in einem tageszeitlichen Rhythmus ausgeschieden, der dafür sorgt, dass nachts weniger Harn in die Blase gelangt. Diese hormonelle Regulation kann bei primärer Enuresis nocturna gestört sein. Auch das Zusammenspiel zwischen Kontrolle der Blase und der Schlaftiefe ist dabei noch unterentwickelt. Eine primäre Enuresis nocturna ist gekennzeichnet durch:
•    scheinbar tiefen Schlaf (aber mit nur kurzen REM Schlafphasen)
•    schwere Erweckbarkeit bei normalem Schlafverhalten
•    häufiges Einnässen mit großen Urinmengen bei hoher Einnässfrequenz
•    Variation der circadianen ADH-Sekretion
•    seltene psychische Begleitsymptome

Bei sekundärer Enuresis spielen wahrscheinlich psychische Ursachen die Hauptrolle. Einnässen kann ein unbewusstes Signal sein: „Etwas stimmt nicht“. Es lassen sich oft unerwartete Veränderungen im Leben des Kindes finden - die Geburt eines Geschwisterkindes, der Verlust eines Familienmitgliedes, Streitigkeiten in der Familie, häusliche Gewalt gegen das Kind, ein Trennungserlebnis, ein Umzug oder Ähnliches sein. Bei der sekundären Enuresis nocturna finden sich:
•    ein Rückfall nach einer trockenen Periode von mindestens 6 Monaten
•    häufig psychische Begleitsymptome


Einnässen gehört zu den häufigsten Störungen des Kindesalters. Nachts nässen etwa 25% der Vierjährigen, 10-15% der Siebenjährigen und 1–2% der Jugendlichen ein.

 

Flüssigkeitszufuhr und nächtliches Einnässen

 

Eine hohe abendliche Flüssigkeitszufuhr hat möglicherweise einen verstärkenden Einfluss auf das nächtliche Einnässen, mehr als 25ml pro Kilogramm Körpergewicht haben in einer Studie enuretische Episoden hervorgerufen.

 

Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung

 

Bei ADHS werden im Gehirn nicht alle ankommenden Reize angemessen verarbeitet. Dazu gehören auch die Signale von Harnblase und Darm. Bei Kindern mit ADHS treten Enuresis und Enkopresis wesentlich häufiger auf als bei nicht betroffenen Kindern.

 

 

Tabuisierung

 

Einnässen zählt zu den häufigsten Störungen des Kindesalters – Dennoch verhindern Tabuisierung wie auch Bagatellisierung oftmals eine adäquate Diagnostik und Therapie. Diese für Kinder wie Eltern gleichermaßen belastende Erkrankung kann durch gezieltes routinemäßiges Ansprechen aufgedeckt und nach entsprechender Abklärung unter Ausschluss organischer Ursachen durch umfassende Information und konsequente (Kombinations-) Therapie in den meisten Fällen sehr gut behandelt werden.
 

Therapie

 

Wichtige sind eine exakte Anamnese sowie das Miktions-Trink-Stuhl-Protokoll. Ohne Protokoll kann keine spezifische Therapie eingeleitet werden.
Die Basisdiagnostik umfasst weiters eine körperliche Untersuchung, z.B. Harndiagnostik.

Der erste Schritt  besteht in der Aufklärung und motivierenden Beratung  u. a. um Schuldgefühle zu nehmen. Die normale Blasenfunktion wird erläutert, individuelle Abweichungen erklärt.  Die Haupttrinkmenge soll in der ersten Tageshälfte aufgenommen werden. Obligat: Toilette vor dem Schlafengehen aufsuchen. Positive Rückmeldungen/Belohnungen insbesondere für trockene Nächte fördern die Motivation. Durch diese unspezifischen Maßnahmen kann bei etwa 18% der Betroffenen innerhalb von 8 Wochen Trockenheit erzielt werden.

Reichen die allgemeinen Maßnahmen nicht, gibt das Miktionsprotokoll Hinweise, welche Strategie den besten Erfolg verspricht.
 

  • Desmopressin: Erste Wahl, wenn die Ursache in einer zu hohen nächtlichen Harnausscheidung bei normalem Miktionsvolumen liegt. Das Strukturanalogon des antidiuretischen Hormons (ADH) reduziert die nächtliche Harnproduktion durch vermehrte Wasserrückresorption in der Niere und damit das nächtliche Harnvolumen. Desmopressin gleicht so einen zu Grunde liegenden ADH-Mangel als Ursache aus, bis der Körper selbst in der Lage ist, das Hormon in ausreichender Menge zu produzieren. Der Vorteil  liegt in einem raschen Wirkungseintritt, einmalige Gabe vor dem Schlafengehen reicht. Die Wirkung hält 8-10 Stunden an. Nebenwirkungen sind selten.
    Die Erfolgsrate der Therapie liegt bei richtiger Dosierung und korrektem Dosierungsschema bei 70-80%.  Desmopressin ist aufgrund des raschen Wirkungseintrittes auch geeignet, um bestimmte „kritische Situationen“ wie Klassenfahrten, Übernachtungen bei Freunden etc. zu überbrücken.
     
  •   Alarmtherapie: Mittel der Wahl, wenn die Ursache der Enuresis laut Miktionsprotokoll in einem zu geringen aktuellen Ausscheidungsvolumen bei normaler nächtlicher Harnproduktion liegt. Bei der Alarmtherapie mit Klingelhose oder -matte führt jedes nächtliche Einnässen zum Auslösen eines Alarms und zum Erwachen des Kindes. Durch Konditionierung lernen die Kinder letztendlich, bei voller Blase aufzuwachen bzw. die Miktion zu unterdrücken und weiter zu schlafen.  Die Alarmtherapie muss über einen längeren Zeitraum (3-6 Monate) durchgeführt werden , ehe mit ein Therapieerfolg erwartet werden kann. Bei konsequenter Anwendung ist mit Erfolgsraten bis zu 80% nach acht- bis zehnwöchiger Therapie zu rechnen.