HIV-Impfstoff aus Algen?

Pflanzen wie Tomaten oder Tabak werden bereits als Minifabriken für Protein-Medikamente genutzt. Nun haben Max-Planck-Forscher die Grünalge zu einer Biofabrik umgerüstet. Damit könnten zukünftig HIV-Impfstoffe hergestellt werden.

Algen haben viele Talente. In ihnen schlummern sowohl heilende Kräfte als auch Substanzen, aus denen Biosprit gewonnen werden kann. Die Grünalge Chlamydomonas reinhardtii ist bei Molekularbiologen besonders beliebt, da ihr Genom bereits komplett entschlüsselt ist. Dennoch: Viele molekulargenetische Werkzeuge, die für die einzellige Modellpflanze entwickelt wurden, waren für andere Algen nicht geeignet. Auch die gentechnische Veränderung von Chlamydomonas ist schwierig. Der Grund: Die neue Geninformation wurde von der Alge oft nicht im vollen Umfang genutzt. Meist stellt sie sogar die Produktion des vom Gen verschlüsselten Proteins gänzlich ein.

Ein Team um den Potsdamer Max-Planck-Direktor Ralph Bock scheint diese Hürde nun bewältigt zu haben. Ihnen gelang es, Algenstämme zu schaffen, die Fremdgene besser in Proteine umwandeln, um sie gegenüber anderen etablierten Produktionsplattformen wettbewerbsfähig zu machen. Wie die Forscher im Fachjournal Plant Molecular Biology berichten, optimierten sie dafür zunächst eine Geninformation für ein Antigen des HI-Virus, sodass sie von den Algen auch „verstanden“ und in das entsprechende Protein übersetzt werden kann. Dabei handelte es sich um das sogenannte p24-Protein. Der Studie zufolge veränderten sie diese Gensequenz so, dass sie Algen-kompatibel wurde. „Außerdem haben wir einen Algenstamm gezüchtet, der die fremden Gene besser ablesen kann“, berichtet Projektmitarbeiterin Juliane Neupert.

Bei dem fremden, optimierten Gen handelte es sich um einen potenziellen Kandidaten für einen neuen Aids-Impfstoff, da es vom Immunsystem erkannt wird. „Wir konnten eine optimierte p24-Genvariante herstellen, die wir mit Hilfe gentechnischer Methoden in den verbesserten Chlamydomonas-Stamm eingebaut haben“, erklärt der Autor der Studie, Rouhollah Barahimipour. „Die Alge war nun tatsächlich in der Lage, dieses verbesserte Gen abzulesen und das p24-Protein anzureichern“, bestätigt der Forscher. Mit ihrer Studie haben die Potsdamer Forscher nicht nur die Hauptursachen für die bisherigen Probleme bei der Bildung  fremder Proteine in Chlamydomonas aufklären können, sondern auch eine neue Strategie zur effizienten Proteinproduktion in dieser Alge entwickelt.

Die Max-Planck-Forscher sind zuversichtlich, dass die Grünalge sich als neue natürliche und ressourcenschonende Produktionsstätte zur Herstellung von Impfstoffen durchsetzen wird. Denn im Vergleich zu anderen pflanzlichen Biofabriken sind sie äußerst anspruchslos, effizient in ihrer Ressourcennutzung und wachsen rasant. Außerdem sind sie keine Konkurrenz zur Lebensmittelindustrie und bieten die Möglichkeit, direkt verzehrt zu werden. Das wiederum lässt die Produktionskosten um bis zu 60 Prozent sinken, da eine aufwendige Aufreinigung der Produkte überflüssig wird.

http://www.laborwelt.de/aktuelles/nachrichten/2016-01/hiv-impfstoff-aus-algen.html

  • Datum 18.02.2016
  • Autor © laborwelt.de/bb

Weitere Artikel zu diesem Thema:

Antibiotika: „Kahlschlag“ im Darm

Winterzeit ist Antibiotika-Zeit. So wirksam diese Medikamente sind, bringen sie auch häufig Nebenwirkungen mit sich: Bis zu 49% der Patienten leiden nach der Antibiotika-Einnahme an Durchfall.

hier weiterlesen


Hoher Fleischkonsum senkt Lebenserwartung

Eine neue Studie aus Schweden weist nach, dass hoher Fleischkonsum die Lebenserwartung deutlich senkt – unabhängig davon, wie viel an gesundheitsfördernden Lebensmitteln wie Obst und Gemüse sonst noch gegessen wird.

hier weiterlesen


Stress im Kindesalter verkürzt Lebenszeit

Wenn Kinder vernachlässigt werden, Misshandlungen erleiden oder andere belastende Erfahrungen machen müssen, leiden sie darunter nicht nur akut. Auch im Erwachsenenalter leiden viele Menschen noch unter den Folgen negativer Erfahrungen in der Kindheit.

hier weiterlesen


Influenza-Impfen auch jetzt noch sinnvoll

Die Grippesaison hat heuer so früh begonnen wie seit Jahren nicht. Der Höhepunkt dürfte aber noch nicht erreicht sein. Experten raten auch jetzt noch zur Impfung. Der aktuell zirkulierende Stamm ist im diesjährigen Impfstoff enthalten, die Impfung wirkt.

hier weiterlesen


Apotheker beraten: Gemeinsam rauchfrei 2017

Zum Jahreswechsel fassen viele Menschen gute Vorsätze für das neue Jahr – besonders wenn es um die Gesundheit geht. „Mit dem Rauchen aufhören“ zählt auch 2017 zu den meistgenannten Zielen. Mit der professionellen Unterstützung der Apothekerinnen und Apotheker kann das Vorhaben, sich das Rauchen abzugewöhnen, besser und leichter gelingen.

hier weiterlesen


"Konsument": Bei Versandapotheken Informationsmängel

Seit Juni 2015 dürfen heimische Apotheken rezeptfreie Medikamente online verkaufen. Verbraucherschützer orten bei manchen Versandapotheken Defizite. Bei Apodirekt gehen Sie auf Nummer sicher.

hier weiterlesen