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Homöopathie: Wenn Magen & Darm rebellieren

Die Homöopathie ist beliebt und genießt in der Bevölkerung großes Vertrauen. Die homöopathische Medizin konzentriert sich nicht ausschließlich auf ein einzelnes erkranktes Organ, sondern betrachtet den Menschen in seiner Gesamtheit. An der Spitze der Beschwerden, gegen die Homöopathika angewendet wurden, liegen leichte Erkältungen bzw. grippale Infekte. Zu den Stiefkindern zählen jedoch völlig zu Unrecht Indikationen des Magen-Darm-Bereichs.

Laut der Studie „Homöopathie in Österreich“ nutzte im Jahr 2014 die Hälfte der
 Österreicher homöopathische Arzneimittel. „62 Prozent der Frauen haben sie angewendet, bei den Männern waren es 37 Prozent“, so Mag. pharm. Martin Peithner.Spitzenreiter bei der Homöopathienutzung sind die Kärntner mit 60 Prozent, gefolgt von den Salzburgern (55 Prozent), den Oberösterreichern (51 Prozent) und den Niederösterreichern (50 Prozent).Nur 29 Prozent der Befragten zweifeln die Wirkung der Homöopathie an. Dagegen sagen 59 Prozent, dass sie großes Vertrauen in die
Homöopathie setzen.

Bewährte Arzneien bei akuten Magen/Darm- Beschwerden

Zur Behandlung akuter Magen-Darm-Beschwerden stehen vor allem folgende Arzneien im Vordergrund: Nux vomica (Brechnuss), Pulsatilla pratensis (Kuh- oder Küchenschelle), Colocynthis (Bittergurke) und Acidum arsenicosum (auch Arsenicum album genannt). Sie werden üblicherweise als C30-Potenz einmal oder gegebenenfalls nach einer halben Stunde nochmals eingenommen.

Nux vomica bewährt sich insbesondere bei Beschwerden wie Kopfweh, Übelkeit und Erbrechen, die am Morgen auftreten, wenn am Vorabend zu viel gegessen, getrunken, geraucht oder gefeiert wurde. Typisch für Nux-vomica-Menschen ist, dass sie dabei sehr reizbar oder sogar grantig sind und in Ruhe gelassen werden wollen. Sie empfinden die Zufuhr von Wärme bzw. von warmen Getränken (z.B. Tee) als angenehm. Pulsatilla prataensis hilft v.a. bei Übelkeit, Magendrücken oder -schmerzen, die nach reichlichem Konsum fetter Speisen oder auch fettreicher Eiscreme (z.B. Vanille oder Schokolade) auftreten. Typisch für diese Patienten ist, dass ihnen Ruhe, Bewegung im Freien und v.a. frische Luft Erleichterung verschaffen.
Colocynthis (Bittergurke) eignet sich vor allem bei krampfartigen, heftigen kolikartigen Bauchschmerzen, deren Auslöser häufig eine belastende, mit großem, unterdrücktem Ärger verbundene Umweltsituation ist. Die Beschwerden bessern sich durch Druck und Zusammenkrümmen in Seitenlage.
Acidum arsenicosum: Diese tiefgreifende Arznei bewährt sich besonders bei Beschwerden, die auf
den Verzehr verdorbener Speisen zurückzuführen sind – also bei einer leichteren oder ausgeprägteren Lebensmittelvergiftung. Im Akutzustand kann es zu plötzlichem heftigem Erbrechen und Durchfall kommen. Typische Begleitsymptome sind brennende Schmerzen, große Unruhe und oft auch ängstliche Zustände. Meistens kommt es nachts zu einer Verschlechterung. Bewegung und Wärmezufuhr werden von dem Patienten als angenehm wahrgenommen.

Hilfreiche Homöopathika bei chronischen Magen-Darm-Erkrankungen

Die häufigsten chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen sind Morbus Crohn und Colitis ulcerosa, wobei diese nicht immer klar voneinander abzugrenzen sind. Morbus Crohn verläuft in der Regel schwerer und kann den gesamten Verdauungstrakt von der Speiseröhre bis zum Enddarm betreffen. Die Erkrankung verläuft in Schüben, die mehrere Wochen andauern können. Die Ursachen sind nach wie vor unklar, eine familiäre Häufung ist bekannt. Jährlich kommen auf 100.000 Einwohner 7-8 Neuerkrankungen und ca. 150 behandelte Patienten.
Morbus Crohn und Colitis ulcerosa verursachen chronische Entzündungen im Verdauungstrakt mit starken Bauchschmerzen, Durchfällen, Fieber bis hin zu Anämie sowie Fistelbildungen zu benachbarten Organen im Bauchraum oder auch in die Außenwelt, vor allem rund um den After. Immer wieder kommt es auch zu potenziell lebensbedrohlichen Darmverschlüssen, Darmgeschwüren mit Blutungen bis hin zu Darmdurchbrüchen. In der konventionellen Therapie kommen hauptsächlich Kortison, Azathioprin und Biologika, neuerdings auch Antibiotika zum Einsatz. Diese mildern die Krankheit, erzielen jedoch bis dato keine Heilung.

In der Homöopathie wird neben den körperlichen Beschwerden der ganze Mensch in seiner Individualität betrachtet. Unter den rund 30 Arzneien, die einen starken Bezug zu chronischentzündlichen
Darmerkrankungen aufweisen, haben vor allem Mercurius solubilis (Quecksilber), Acidum nitricum (Salpetersäure) und Acidum arsenicosum einen hohen Stellenwert. Grundsätzlich werden diese Arzneien in LM-Potenzen verabreicht, in Akutphasen zusätzlich durch C30 ergänzt. Die Behandlung erstreckt sich über Monate bis Jahre. Ziel ist jedenfalls, die Intensität der Schübe zu reduzieren, die beschwerdefreien Intervalle zu verlängern und einen seelischen Ausgleich zu erzielen.
Gelingt letzteres, ist häufig parallel dazu eine Verbesserung der körperlichen Situation zu beobachten.

Mercurius solubilis entspricht vor allem Menschen, die vorwiegend nachts unter heftigen Bauchbeschwerden besonders rechtsseitig leiden und bei denen blutig-eitrige Stühle sowie reichlicher, übelriechender Schweiß auftreten. Sie sind gerne an der frischen Luft, vertragen aber weder Hitze noch Kälte gut, sondern bevorzugen eine wohltemperierte Umgebung. Typisch sind süßlicher, metallischer Mundgeruch und vermehrter Speichelfluss. Diese Menschen sind relativ rasch geschwächt, unruhig und nervös, neigen zu Reizbarkeit, Ärgerlichkeit, Streitlust und Aggressivität. Sie haben Verlangen nach Alkohol, Brot und Fleisch, vertragen diese jedoch nicht gut. Auch Medikamentenmissbrauch ist häufig. Häufig träumen diese Menschen von Selbstmord, Mord, Krieg oder Unfällen und leiden unter Ängsten, dass ihnen etwas Schlimmes passiert. Außerdem sind sie oft nicht schwindelfrei.

Acidum nitricum: Insbesondere bei Fistelbildungen ist an diese Arznei zu denken. Meist handelt es sich um leicht reizbare, unzufriedene Menschen mit großen Ängsten (z.B. vor einer Tumorerkrankung) und hoher Geräusch- und Berührungsempfindlichkeit. Sie sind besonders anfällig für andere Erkrankungen und Infekte, diese sind häufig mit Durchfall kombiniert. Im Rahmen von Morbus Crohn oder Colitis ulcerosa treten oft stark blutende Darmgeschwüre und extrem übelriechender Stuhl auf. Die Patienten können sich in der Nacht kaum erholen, die starken Schmerzen werden häufig mit charakteristischen Bildern beschrieben: „wie ein Splitter, der im Bauch herumsticht“ oder „wie ein Pflock im Mastdarm“. Als angenehm und beruhigend empfinden diese Menschen, wenn sie sich ganz entspannt bewegen können oder – noch besser – ruhig bewegt werden, wie zum Beispiel beim Autofahren oder in einem Schaukelstuhl. Bei Auftreten von Beschwerden brechen sie psychisch leicht zusammen, sind kaum zu beruhigen, jammern, fühlen sich elend und verzweifeln rasch. Dies mündet nicht selten in Selbstmordgedanken und extremen Ängsten, nicht mehr gesund zu werden.

Acidum arsenicosum: Bei Patienten, die bereits geschwächt sind, nachts große Unruhe aufweisen, viel Wärme brauchen und unter Ängsten sowie vorwiegend brennenden Schmerzen im Bauchbereich leiden, ist Acidum arsenicosum ein Mittel der Wahl. Daraus lässt sich auch rückschließen, dass homöopathische Arzneien sowohl bei akuten als auch bei chronischen Leiden verwendet werden können und müssen, wenn die Symptome stimmen.