Personalisiertes Impfen

Die bisher gültige, generelle Impf-Strategie „eine Impfung passt für alle“ wird künftig nicht mehr für alle Personengruppen in einer demografisch sich stark verändernden Bevölkerung anwendbar sein. Es wird daher – mehr als früher – nötig sein, personalisierte Strategien zu entwickeln.

Bei der personalisierten Impfung geht es zunächst darum, die Risikogruppen herauszufiltern, betont Wiedermann-Schmidt. Dazu gehören Frühgeborene, die heute viel bessere Überlebensraten haben als früher, ältere Menschen, aber auch Personen, die mit Biologika – z.B. bei Autoimmunerkrankungen wie z.B. Rheuma oder bei Krebs- und Hauterkrankungen – behandelt werden, aber auch das Gesundheitspersonal, um nicht selbst zur Risikogruppe für die Ansteckung zu werden. Wiedermann-Schmidt: „Was wissen wir über das Ansprechen auf Impfungen oder Impfschutz dieser Risikogruppen? Wann muss ich die Impfstrategie ändern – und wie? Das ist die neue Fragestellung.“

Die Möglichkeiten für eine spezialisierte Impfstrategie sind vielfältig: Es könnte sinnvoll sein, „doppelt“ zu impfen, mit geändertem Impf-Intervall, mit einem Impfstoff mit stärkeren Adjuvantien oder andere „Impfrouten“ als die übliche intramuskuläre Route zu wählen. In der Praxis bedeutet das zum Beispiel: Wenn eine Person mit einer Autoimmunerkrankung eine Vierfach-Impfung Diphterie/Tetanus/Polio/Keuchhusten erhält, ist es ratsam, bald danach eine Impferfolgskontrolle zu machen und zu evaluieren, „ob die Impfung überhaupt angeschlagen hat. Bereits in der gesunden Bevölkerung finden wir ein bis zehn Prozent, die nach Impfungen keinen ausreichenden Schutz aufbauen können. Diese Menschen nennt man „Non-Responder“. Unter bestimmten Therapien oder bei chronischen  Erkrankungen ist daher anzunehmen, dass dieser Prozentsatz viel höher liegt. Hat die Impfung nicht angeschlagen, muss man die Strategie überdenken.

Für die Forschung wird das zukünftig bedeuten, dass neue Impfstoffe entwickelt werden müssen, die ebenfalls ganz speziell an die Bedürfnisse dieser Risikogruppen angepasst sind: „Zur Identifizierung bestimmter Risikogruppen werden neue Technologien wie Transcriptomics  zur Anwendung kommen“, erklärt Wiedermann-Schmidt. Dabei sollen im Blut Biomarker zur Erkennung genetischer oder immunologischer Veränderungen gefunden werden, die dafür verantwortlich sind, dass jemand zu einem „Non-Responder“ wird. „Alle diese Maßnahmen werden dazu führen, dass sich die Betroffenen sicher sein können, individuell und nicht nach ‚Schema F‘ geimpft zu werden.“ Nichtsdestotrotz sei es nach wie vor für einen effektiven Herdenschutz sehr wichtig, darauf zu achten, dass die Durchimpfungsraten in der Bevölkerung hoch sind. „Denn wer sich impfen lässt, schützt doppelt: sich selbst und andere.“
 

Personalisierte Impfungen wichtiger Schritt Richtung Herdenschutz

„Dank der ,personalisierten Medizin‘ können nun zunehmend auch jene Personengruppen geimpft werden, die bislang wegen ihres schwachen Immunsystems von Impfungen ausgeschlossen waren, wie z.B. Krebspatienten oder junge Säuglinge“, sagte der Impfreferent der Österreichischen Ärztekammer (ÖÄK), Rudolf Schmitzberger. Somit wäre es ein klares Missverständnis, die Möglichkeit des personalisierten Impfens als Freibrief für “immunologische Trittbrettfahrer“ zu sehen. Gemeint sind Menschen, die sich darauf verlassen, dass andere geimpft sind und selbst nur jene Impfungen wahrnehmen, die ihnen persönlich relevant erscheinen. Personalisierte Impfungen stehen also keineswegs in Konkurrenz zum „Herdenschutz“. Darunter versteht man das Ziel, von Mensch zu Mensch übertragbare Erkrankungen auszurotten oder zumindest so weit einzudämmen, dass auch nicht immunisierte Personen innerhalb einer Bevölkerung geschützt sind. Herdenimmunität ist nach wie vor eines der wichtigsten sozialmedizinischen Ziele, die auch das Gratis-Kinderimpfprogramm verfolgt – gemäß dem Motto: Große schützen Kleine, Kleine schützen Große.
 

Information in der Apotheke

Impfung ist nicht gleich Stich: Schluckimpfungen, intranasale Impfungen, intradermale Impfungen oder intramuskuläre Impfungen können – je nach Angebot und persönlichen Vorlieben - verabreicht werden. Sachliche Information zu Impfungen und eine vertrauensvolle Kommunikation mit den Kunden sind die wesentlichen Eckpfeiler, um die Durchimpfungsraten in Österreich zu erhöhen.  Durch den niederschwelligen Zugang kommt den 1.360 Apotheken in Österreich eine wichtige Aufgabe als Informationsdrehscheibe zu, wo Impfpässe kontrolliert und Impflücken entdeckt werden. „In der Apotheke beraten wir Jung und Alt, welche Impfungen wichtig und sinnvoll sind, und fungieren als „Übersetzer“ zwischen Wissenschaft und Praxis“, so Christian Müller-Uri, Vizepräsident der Österreichischen Apothekerkammer. Auf der kostenlosen Apo-App kann ein individueller, elektronischer Impfpass angelegt werden.
 

  • Datum 13.01.2016
  • Autor Medizinische Universität Wien | Österreichische Ärztekammer | Österreichische Apothekerkammer

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