Durchbruch bei Multiple Sklerose?

Weltweit sind Schätzungen zufolge rund 2,5 Millionen Menschen von Multipler Sklerose (MS) betroffen, rund 8.000 in Österreich. An der MedUni Wien könnte eine herausragende Entwicklung bei der Behandlung von MS gelungen sein.

MS ist eine chronisch-entzündliche Autoimmunerkrankung des zentralen Nervensystems, bei der die Isolierschichten der Nervenfasern zerstört werden. Die Erkrankung verläuft in Schüben und ist derzeit nicht heilbar.

Ein Schub definiert sich durch das Auftreten neuer oder das Wiederaufflammen bereits bekannter Symptome. Durch die einzelnen Schübe kommt es zu einer sofortigen oder auch verzögerten, weiteren Verschlechterung des Gesundheitszustands der PatientInnen. Die Mechanismen der Entzündung im Nervensystem sind partiell aufgeklärt. Auf der Basis dieser Erkenntnisse stehen Therapien zur Verfügung, die den Verlauf verzögern können aber vorallem bei Dauertherapie mitunter erhebliche Nebenwirkungen aufweisen. Weltweit sind Schätzungen zufolge rund 2,5 Millionen Menschen von MS betroffen, rund 8.000 in Österreich.

Christian Gruber, Forschungsgruppenleiter am Zentrum für Physiologie und Pharmakologie, konnte zusammen mit seinem Team im Tiermodell zeigen, dass es nach der Behandlung mit einem speziellen synthetischen Pflanzenpeptid (Zyklotid, engl. „Cyclotide“) zu keiner weiteren Entwicklung üblicher klinischer Anzeichen einer Multiplen Sklerose kommt. Die Entdeckung der Wiener Wissenschafter lässt nun realistisch darauf hoffen, die Erkrankung bereits in einer sehr frühen Phase stoppen oder ihre Entwicklung zumindest stark verlangsamen zu können. „Sobald funktionelle neurologische Defizite auftreten und im MRI-Scan erste krankheitsbedingte Veränderungen im Zentralnervensystem sichtbar sind, könnte man das Medikament zur Basistherapie verabreichen. In einem Tiermodell für MS wurde das Auftreten von Symptomen durch die orale Verabreichung von Cyclotiden erheblich reduziert. Es könnte also sein, dass sich die Zeitspanne zwischen den Schüben verlängert oder möglicherweise ein Ausbruch der Erkrankung verhindert werden kann“, fassen Gruber und Schabbauer das zentrale Ergebnis der Studie, die nun im Top-Journal „PNAS“ veröffentlicht wurde, zusammen.

Basierend auf dieser Entwicklung hat die MedUni Wien zusammen mit dem Universitätsklinikum Freiburg Patente in mehreren Ländern angemeldet, und an die eigens für die Weiterentwicklung gegründete Firma Cyxone (www.cyxone.com) auslizensiert. Ziel dieser Zusammenarbeit ist es, ein oral aktives, sicheres Medikament für die Behandlung von Multipler Sklerose zu entwickeln. Dafür könnte eine klinische Studie der Phase I, so Gruber, mit Ende 2018 starten.
 

Cyclotide: leicht verfügbar und oral einsetzbar

Cyclotide sind makrozyklische Pflanzenpeptide, die aus allen bedeutenden Pflanzenfamilien (z.B. Kaffeegewächse, Kürbisgewächse, aber auch Gräser und Nachtschattengewächse) isoliert werden können und daher eine vielseitige und große Gruppe von Naturstoffen darstellen. Weiterer Vorteil: Das daraus gewonnene Medikament kann oral eingenommen werden. Viele der derzeit gängigen MS-Therapien müssen intravenös verabreicht werden.

Der Wirkmechanismus der Cyclotide wurde vor drei Jahren ebenfalls von den Wissenschafter an der MedUni Wien in Zusammenarbeit mit Forschern des Universitätsklinikums Freiburg entdeckt: Sie unterdrücken den Botenstoff Interleukin-2 und damit die Zellteilung der T-Zellen, die bei der Reaktion des menschlichen Immunsystems als „Killer“- oder „Helfer“-Zellen wirken. Cyclotide könnten daher möglicherweise auch bei anderen Erkrankungen eingesetzt werden, die durch ein überaktives, fehlgeleitetes Immunsystem gekennzeichnet sind wie etwa die rheumatoide Arthritis. 
 

  • Datum 30.03.2016
  • Autor Mag. Johannes Angerer | MedUni Wien

Weitere Artikel zu diesem Thema:

Die Apotheke ist weiblich

Die Apothekerin, die Aspirantin, die Pharmazeutisch-kaufmännische Assistentin: Die 1.380 österreichischen Apotheken sind in der Hand von Frauen. 90 Prozent aller 16.000 Beschäftigten sind weiblich und das bis hinauf in die Chefetagen, denn jede zweite Apotheke wird bereits von einer Frau geführt.

hier weiterlesen


Hallux valgus: Vorsicht vor Folgeschäden!

Anfangs spürt man es nur in schmalen High Heels: den schmerzhaften Druck aufs Großzehengrundgelenk oder auf einen der kleinen Zehen. Schon jede dritte 20-Jährige zeigt Ansätze eines Hallux valgus. Aber irgendwann schmerzen nicht nur High Heels, sondern auch Sportschuhe...

hier weiterlesen


Burgenland impft gegen Meningokokken B-Erkrankung

Eine gemeinsame Kampagne der Burgenländischen Landesregierung, der Ärztekammer, der Apothekerkammer und GlaxoSmithKline Pharma GmbH macht auf die Gefährlichkeit der Meningokokken B - Erkrankung aufmerksam.

hier weiterlesen


Winterpollen im Anflug

Augenjucken und eine tropfende Nase – in den meisten Fällen werden solche Symptome als Erkältung abgetan, dies ist jedoch nicht immer der Fall. Denn was die wenigsten wissen: Auch im Winter können Pollen für Allergiebeschwerden sorgen und für Betroffene unangenehm sein.

hier weiterlesen


Mutterkraut ist Arzneipflanze 2017

Die Wissenschaft gewinnt ständig neue Erkenntnisse über Wirkstoffe und positive Effekte traditioneller Heilpflanzen. Zur Arzneipflanze 2017 wurde Mutterkraut gekürt. Diese traditionelle Heilpflanze zeichnet sich durch gute Wirksamkeit und ausgezeichnete Verträglichkeit in der vorbeugenden Behandlung von Migräne aus.

hier weiterlesen


Schwere Arbeit mindert möglicherweise die Fruchtbarkeit

Schwere körperliche Arbeit und nächtliche Schichtarbeit beeinträchtigen die Eizellenqualität und -zahl von Frauen und damit womöglich ihre Fruchtbarkeit. Besonders ausgeprägt sei dieser Effekt bei übergewichtigen und älteren Frauen, berichten US-Forscher.

hier weiterlesen