Vorsicht Wechselwirkung – Pillenmix birgt Gefahren

Die Anzahl der Patienten, die mehr als fünf Medikamente einnehmen, steigt stetig an. 60 000 Versicherte der NÖ Gebietskrankenkasse nahmen im Oktober 2014 mehr als fünf Wirkstoffe ein. 70 Prozent waren älter als 65 Jahre. Die Auswirkungen von Polypharmazie, also dem gleichzeitigen Gebrauch mehrerer Medikamente, sind oft problematisch.

Neben- und Wechselwirkungen

Polypharmazie findet man vor allem bei chronisch kranken oder älteren Menschen, bei denen mehrere Krankheiten gleichzeitig diagnostiziert werden. Die Einnahme vieler Medikamente kann dann zu Problemen führen. Auf der einen Seite können sich Nebenwirkungen addieren, auf der anderen Seite steigt auch das Wechselwirkungspotential an: Sind bei vier Medikamenten sechs Interaktionen möglich, so sind es bei zehn Medikamenten bereits 45. Das Risiko für Wechselwirkungen steigt mit der Zahl der eingenommenen Medikamente – bei zwei Medikamenten beträgt die Wahrscheinlichkeit für Wechselwirkungen sechs Prozent, bei acht Medikamenten gar 100 Prozent.
Auch das Alter hat Auswirkungen auf die Heilmitteleinnahme. Wassergehalt und Muskelmasse im Körper nehmen ab, die Nierenfunktion und damit die Ausscheidung von einigen Arzneistoffen lassen nach. Aus diesem Grund können die Nebenwirkungen altersbedingt stärker ausfallen. In einer Salzburger Studie waren Medikamenten-Nebenwirkungen der Grund für 57 Prozent der Spitalseinweisungen der über 71-Jährigen.

Therapietreue? – Unterversorgung trotz vieler Medikamente

Auf der anderen Seite kann Polypharmazie auch zu Unterversorgung führen. Die Ursache dafür sind Probleme mit der so genannten Compliance (Therapietreue) von Patienten mit mehreren Medikamenten. Die Einnahmetreue nimmt mit der Anzahl der Medikamente stark ab. Bei mehr als sechs Medikamenten nehmen nur mehr 20 Prozent der Patienten alle Medikamente richtig ein, sagen Studien. Die Auswahl, welches Medikament tatsächlich eingenommen wird, erfolgt oft zufällig oder willkürlich. Die Gefahr von Verschlechterung einer Krankheit durch Unterversorgung kann so durch die Verschreibung vieler Medikamente erhöht werden.
 

Sechs Wirkstoffe und mehr: 70 Prozent sind älter als 65

In Österreich haben rund 695 000 Menschen mehr als fünf Wirkstoffe im Quartal verschrieben bekommen, das zeigen österreichweite Auswertungen der Krankenversicherungsträger. 376 500 Patientinnen und Patienten, die bei der NÖGKK krankenversichert sind, erhielten im Oktober 2014 mindestens ein Medikament. 60 000 davon nahmen mehr als fünf Wirkstoffe zu sich. Fast 42 000 Patienten waren älter als 65, das sind 70 Prozent.
Knapp 49 000 davon nahmen zwischen sechs und zehn Wirkstoffe zu sich, 9 800 Patienten wurden zwischen elf und 15 Wirkstoffe verschrieben, 1 200 zwischen 16 und 20.

Auch Baumgartner appelliert an die Therapietreue und den Kontakt zur Ärzteschaft: „Sollte ein Patient eine andere Dosierung wünschen oder das Medikament gar nicht einnehmen wollen, muss dies unbedingt mit dem Arzt des Vertrauens besprochen werden. Auf keinen Fall sollten Patienten ein Medikament aus der Apotheke holen und dem Arzt die Einnahme vorspielen.“ 


Verunsicherte Patienten, gesammeltes Wissen

„Viele Patienten mit mehreren Medikamenten sind verunsichert, scheuen aber davor zurück, genauer nachzufragen“, erklärt  Dr. Sauermann, vom Hauptverband der österreichischen Sozialversicherungsträger, . „Manche ändern ihre Therapie sogar ohne ärztliche Rücksprache. Durch die Kampagne sollen die Patienten ermuntert und darin bestärkt werden, alle Fragen und Unsicherheiten betreffend Medikamente, Hausmittel oder Nahrungsergänzungsmittel gegenüber ihren Ärzten ganz offen anzusprechen."

Auf einer Pressekonferenz wurde nun ein Folder für die betroffenen Patienten präsentiert. 

 

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