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Schmerz: bei Frau & Mann gleich?

Ein Indianer kennt keinen Schmerz? Frauen sind wehleidig? Was stimmt wirklich wenn es um das Thema Schmerzen geht? Schmerzmittel, zum Beispiel, werden relativ einheitlich dosiert - und das obwohl es gravierende Unterschiede zwischen Mann und Frau gibt.

Schmerzmittel sind relativ einheitlich dosiert und nehmen selten Rücksicht auf die unterschiedliche Körpermasse bzw. Körpermasse-Aufteilung in Fett und Muskulatur, ebenso auch nicht auf geschlechtsspezifische Unterschiede.
Nachdem Fett und Muskelmasse aber auch die Gesamtmasse zwischen Frauen und Männern deutlich unterschiedlich verteilt ist, ist naheliegend, dass es hier zu unterschiedlichen Gewebsverteilungen von Medikamenten und damit Gewebskonzentrationen kommt.

 

Frauen besitzen mehr Fettgewebe - Männer mehr Muskelgewebe



Nachdem Fettgewebe ein sehr wasserarmes (10% Wasseranteil) Gewebe ist, Muskelgewebe hingegen einen sehr hohen Wasseranteil (70%) besitzt, ist naheliegend, dass sich Medikamente welche sich - und dies ist bei Schmerzmitteln überwiegend der Fall - eher in Wasser lösen und verteilen, bei Männern ein anderes Verteilungsvolumen vorfinden als bei Frauen.

 

Hinzu kommt, dass Frauen hormonellen Schwankungen unterliegen, die sich wiederum auf die Schmerzempfindung bzw. Schmerztoleranz auswirken können.
Im Gegensatz zur früheren Annahme, dass schmerzbezogen gesehen die „starke Frau“ einem „schwachen Mann“ gegenüber steht, zeigten Studien der letzten Jahre, dass dies genau umgekehrt der Fall ist. Insbesondere im postoperativen Bereich benötigten Frauen bei gleichartigen Operationen deutlich häufiger Schmerzmittel in deutlich höherer Dosis als Männer.
Andererseits haben Frauen eine vollkommen andere Schmerzverarbeitung, insbesondere auch deshalb, weil Frauen auch körperbewusster und körperbezogener leben und denken.

 

Frauen gehen bei Schmerzen eher zum Arzt als Männer



Die Folge davon ist, dass Männererkrankungen welche als u.a. als Frühsymptom auch Schmerzen haben, aufgrund einer gewissen Ignoranz Krankheiten unnötig verschleppen. Neben diesen einfachen Zuteilungen ist es so, dass es auch Geschlechtsspezifika häufiger von Schmerzerkrankungen gibt, dazu gehört die Fibromyalgie, Osteoporose, degenerative schmerzhafte Prozesse der großen Gelenke, Colon Irritabile, Interstitielle Cystitis (IC), und dazu noch geschlechtsspezifische Erkrankungen wie Endometriose, Mastodynie, und ähnliches aufweisen. Auch bei Kopfschmerzen wie Spannungskopfschmerz und Migräne ist das Verhältnis zwischen Frau und Mann deutlich zu Ungunsten der Frauen, die viel häufiger an dieser Art von Schmerzen leiden.

Eine weitere Kuriosität ist, dass bei Studienanalysen gezeigt werden konnte, dass die Angabe von Schmerztoleranz nicht zuletzt auch vom Geschlecht der Befragenden abhängt. Sogar Probanden, welche durch jeweils das andere Geschlecht befragt wurden gaben deutlich höhere Schmerztoleranz an als bei Gleichgeschlechtlichen. In anderen Worten, viele Studienaussagen müssen hinsichtlich ihrer Resultate auch in dieser Hinsicht hinterfragt werden, da es durch Geschlechtsunterschiede zwischen Proband und Interviewer zu bemerkenswerten Fehlern kommen kann. Eines steht fest:
Es gibt sowohl in der Schmerzempfindung als auch in der Schmerzdarstellung deutliche Unterschiede zwischen Mann und  Frau.
Es gibt auch geschlechtsspezifische Erkrankungen und damit insgesamt gesehen als Folge die Notwendigkeit einer geschlechtsspezifischen Diagnostik und Therapie.

 

 

  • Datum 10.11.2014
  • Autor Univ.-Prof. Dr. Wilfried Ilias, MSc / MedServices